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HSG Wetzlar: Toller Handball, schwierige Zukunft

Die Mannschaft der HSG WetzlarZoom
Die Mannschaft der HSG WetzlarFoto: Eibner-Pressefoto
23.12.2012 - 03:25 Uhr

Fassungslos saß Jens Tiedtke (33) in den Katakomben und starrte ins Leere. Er brauchte etwas Zeit, um nach der knappen Niederlage beim HSV (30:29) die richtigen Worte zu finden. “Wir haben ein gutes Spiel gemacht, aber nichts mitgenommen”, lautete schließlich das Fazit des Kreisläufers. In der ersten Halbzeit spielte sich die HSG Wetzlar in einen Rausch, führte nach 25. Minuten sogar mit sechs Toren. Doch in den zweiten 30. Minuten war gegen den Gastgeber nichts auszurichten. Der Vorsprung schwand, die Fans des HSV brachten die O2 World zum Kochen. “Das hat dem HSV sicherlich geholfen”, glaubte Torwart Nikola Marinovic (36). “Letztendlich haben wir selber schuld. Wir führen fast das ganze Spiel und bekommen am Ende unnötige Gegentore über die schnelle Mitte.” Den Siegtreffer von Hamburgs Fredrik Petersen (29) in der letzten Sekunde konnte er nicht mehr parieren. 

Drei Niederlagen sind noch keine Krise 

Jens Tiedtke beim WurfZoom
Jens Tiedtke beim WurfFoto: Eibner-Pressefoto

Für die HSG Wetzlar ist es die dritte Niederlage in Folge. Von einer Krise kann trotzdem nicht die Rede sein. Vergangenes Wochenende spielte die Mannschaft von Kai Wandschneider (53) mit dem THW Kiel auf Augenhöhe, verlor ebenfalls nur mit einem Tor. Nur in Minden erwischte man einen wirklich rabenschwarzen Tag. “Die Spiele gegen Kiel und HSV haben gezeigt, wie stark wir sind. Wir dürfen nicht vergessen, wer hier gegen wen gespielt hat”, so der Trainer. Er spielte auf die unterschiedlichen Etats an. Der HSG Wetzlar stehen rund 3 Millionen Euro im Jahr zur Verfügung, Kiel und Hamburg etwa das Dreifache. Auf dem Spielfeld war davon wenig zu sehen. Zumal Wetzlar den HSV am ersten Spieltag sogar souverän besiegte. “Was wir aus unseren Möglichkeiten gemacht haben, ist sensationell”, stellte Kai Wandschneider klar. 

Die HSG Wetzlar ist mit der Mannschaft der Vorsaison, die fast in der 2. Liga gelandet wäre, nicht mehr zu vergleichen. In der vergangenen Saison erzielten die Hessen nur 857 Tore, stellten gemeinsam mit HBW Balingen-Weilstetten den schwächsten Angriff. In der laufenden Spielzeit haben sie den fünftbesten Wert. Das Erfolgsgeheimnis: Die HSG ist schwer auszurechnen. Mit Kevin Schmidt (24), Steffen Fäth (22) sowie den Neuzugängen Michael Müller (28), Tobias Reichmann (24) und Jens Tiedtke haben sie mehrere Scorer. Die erfolgreiche Hinrunde hat in Wetzlar Begeisterung ausgelöst. “Was Mannschaft und Trainerteam leisten, bleibt niemandem verborgen”, sagt Geschäftsführer Björn Seipp zufrieden. “Wir haben tolle Zuschauerzahlen und eine riesige Euphorie. Das hilft uns auf allen Ebenen weiter.” 

Drei Youngsters zu WM-Teilnehmern geformt 

Nicht nur die Fans, auch der Bundestrainer Martin Heuberger (48) hat den Aufschwung von Wetzlar registriert. Mit Steffen Fäth, Tobias Reichmann und Kevin Schmidt wurden drei Youngsters zu Nationalspielern geformt. Sie werden im Januar bei der Weltmeisterschaft in Spanien dabei sein. “Die WM Nominierung kam echt überraschend. Umso mehr freue ich mich dabei zu sein”, so Schmidt. Trainer Kai Wandschneider sieht dem neuen Jahr mit gemischten Gefühlen entgegen. “Die drei Nominierten fehlen uns in der Vorbereitung. Das ist sicherlich nicht positiv für Wetzlar”, gab er zu bedenken. Michael Müller wurde überraschend nicht nominiert, bleibt daher bei der Mannschaft. “Obwohl auch er eine WM-Teilnahme verdient gehabt hätte”, so Wandschneider. 

Leistungsträger verlassen Wetzlar 

In der kommenden Saison steht ein Umbruch bevor. Torwart Nikola Marinovic wird zu Frisch Auf Göppingen wechseln, die Zwillinge Philipp und Michael Müller zu MT Melsungen. “In den nächsten Wochen müssen wir passende Neuverpflichtungen machen”, kündigte Wandschneider an. Er weiß aber auch, dass eine Spielerpersönlichkeit wie Michael Müller nicht zu ersetzen ist. “Es scheint das Schicksal von Wetzlar zu sein, dass wir eine Durchgangsstation von großen Talenten sind, die später von finanzstärkeren Mannschaften weggekauft werden”, weiß der frisch gewählte Allstar-Trainer. Allzu große Erwartungen für die nächsten Jahre möchte er nicht schüren. “Ein Umbruch braucht eine gewisse Zeit. Wir sollten uns daher über die Ergebnisse der laufenden Saison freuen. Was nächste Saison wird, bleibt abzuwarten.” 

All das ist noch Zukunftsmusik. Am 2. Weihnachtstag steht das letzte Spiel des Jahres 2012 an. Die HBW Balingen-Weilstetten wird zu Gast sein. Der Einsatz von Steffen Fäth, der sich in Hamburg laut erster Diagnose eine schwere Oberschenkelprellung zuzog, ist noch fraglich. “Wir wollen mit einem Sieg in die Pause gehen. Dann würde das Fazit aus dem Halbjahr sehr positiv ausfallen”, so Jens Tiedtke. Wegen der jüngsten Niederlagen ist die HSG Wetzlar, die vor knapp einem Monat noch auf Tabellenplatz 3 stand, auf die achte Position abgerutscht. “Aber die Tabelle ist von Platz vier bis neun so eng. Wir wissen, dass wir auch bald wieder höher stehen können”, so seine Kampfansage an die übrigen Bundesligisten. 

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