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Carsten Lichtlein: “Langsam sind wir es leid”

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Carsten LichtleinFoto: Eibner-Pressefoto
16.11.2012 - 15:40 Uhr

Handball.de Mitarbeiter Oliver Jensen sprach mit Carsten Lichtlein (32) über die Krise beim TBV Lemgo und der Nationalmannschaft. 

Handball.de: Herr Lichtlein, die Nationalmannschaft steckt in der Krise, der TBV Lemgo steht auf einem Abstiegsplatz. Macht Ihnen Ihr Beruf überhaupt noch Spaß? 
Lichtlein: “Natürlich macht es mehr Spaß, wenn der Erfolg vorhanden ist. Ich stand mit dem TBV Lemgo noch nie so weit unten. Aber damit muss ich zurecht kommen. Ich werde alles dafür tun, dass wir die Abstiegszone schnell wieder verlassen. Gegen die Füchse Berlin war bereits eine Leistungssteigerung festzustellen. Ich hoffe, dass wir das gegen GWD Minden fortsetzen können.” 

Handball.de: Die letzten sechs Bundesligaspiele endeten mit einer Niederlage. Haben Sie eine Erklärung dafür? 
Lichtlein:
 “Viele Spiele gingen diese Saison knapp verloren. Ob nun zum Saisonbeginn gegen Lübbecke oder später gegen Magdeburg oder Hannover - oft lagen wir kurz vor Spielende vorne und verloren letztendlich knapp. Solche Spiele hätten wir vergangene Saison gewonnen. Aber nun setzen wir in den entscheidenden Situationen nicht die Big Points. Teilweise fehlt auch das Quentchen Glück.” 

Handball.de: Vor der Saison hat Trainer Dirk Beuchler Platz 7 als Saisonziel angegeben. Geht es jetzt in Wahrheit nur noch gegen den Abstieg? 
Lichtlein:
 “Platz 7 ist jetzt nur noch Wunschdenken. Wir müssen erst einmal unten rauskommen. Diese Negativentwicklung hat natürlich auch mit unseren Verletzten zu tun. Kaum ist ein Spieler wieder fit, hat sich der andere schon wieder verletzt. Mit acht oder neun Leuten ist es schwierig, Spiele zu gewinnen. Besonders wenn im Rückraum einige Leute ausfallen. Wir haben einen jungen und nicht allzu großen Kader. Wenn alle Verletzten dabei sind, läuft es wieder besser.”

Handball.de: Hätten Sie vor Saisonbeginn mit diesem misslungenen Saisonstart gerechnet? 
Lichtlein:
 “Überhaupt nicht. Nach der guten Vorbereitung war ich sehr optimistisch.”

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Carsten LichtleinFoto: Eibner-Pressefoto

Handball.de: Ist das Spiel gegen Minden doppelt wichtig, weil danach in Kiel eine Niederlage einzukalkulieren ist? 
Lichtlein:
 “Es geht gegen einen direkten Konkurrenten, also handelt es sich praktisch um ein Vierpunkte-Spiel. Wir müssen alles daran setzen, zu gewinnen. Ob nun über das Spielerische oder über den Kampf - wir müssen uns auf der Platte zerreißen.” 

Handball.de: Und gegen Kiel geht es lediglich um die Höhe der Niederlage? 
Lichtlein:
 “Es wäre optimistisch zu sagen, man könnte gegen den THW Kiel ankommen. Andererseits sind wir auch nach Berlin mit der Einstellung gefahren, einfach unsere Leistung zu bringen. Wären wir im Angriff ein wenig erfolgreicher gewesen, hätten wir das Spiel gewonnen. Es steckt also viel Potential in unserer Mannschaft. Vielleicht können wir das Spiel gegen Kiel lange offen halten und schauen, was letztendlich dabei herauskommt.” 

Handball.de: Im Vereinsumfeld herrscht viel Unruhe. Es gibt Gerüchte, dass die Gehälter nur bis Ende des Jahres gesichert sind. Im September gab es zudem die Vorwürfe gegen Manager Volker Zerbe wegen Bereicherung. Lenkt das die Mannschaft vom Sport ab? 
Lichtlein: 
“Natürlich werden wir damit ständig konfrontiert. Die Medien berichten darüber, viele Leute sprechen uns an. Langsam sind wir es wirklich leid. Aber wenn wir auf dem Spielfeld stehen, sollte man daran nicht mehr denken. Ich weiß ohnehin nicht, was bei Volker Zerbe und unserem ehemaligen Geschäftsführer Fynn Holpert wirklich vorgefallen ist. Von daher bilde ich mir kein Urteil darüber.” 

Handball.de: Ihr Vertrag läuft noch bis 2014. Wie oft denken Sie angesichts dieser Probleme an einen Vereinswechsel? 
Lichtlein:
 “Mein Fokus liegt beim TBV. Von anderen Vereinen hat noch niemand mit mir gesprochen. Wenn es ein Angebot geben sollte, wird das über einen Spielervermittler geklärt.” 

Handball.de: Aber möchten Sie nicht auch eines Tages wieder um Titel spielen? 
Lichtlein:
 “Natürlich wäre das ein Wunsch. Aber dazu müsste erst einmal ein Angebot vorhanden sein. Jetzt konzentriere ich mich auf den TBV. Genau genommen bin ich 2005 auch hierher gekommen, um Champions League und Europapokal zu spielen.” 

Handball.de: Es gab kürzlich Gerüchte, Sie würden zur HSG Wetzlar gehen. 
Lichtlein:
 “Ich habe keine Ahnung, woher dieses Gerücht kommt. Eines Tages fragte mich unser Physiotherapeut der Nationalmannschaft Reinhold Roth, der auch die HSG Wetzlar bereut, ob ich wechseln würde. Ich wusste von nichts. Ein Angebot hat es nie gegeben. Soweit ich weiß, laufen in Wetzlar die Verträge der beiden Torhüter aus. Aber es sind auch noch einige andere Namen im Spiel. Ich weiß nicht, was an diesem Gerücht wirklich dran ist.”

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Carsten LichtleinFoto: Eibner-Pressefoto

Handball.de: Sprechen wir noch einmal über die Nationalmannschaft. Starke Mannschaften wie Dänemark besiegt die DHB-Auswahl, gegen vermeintlich schwächere Mannschaften wie Montenegro verliert man. Warum ist die Leistung so schwankend? 
Lichtlein:
 “Das ist eine schwierige Frage. Nach der EM in Serbien haben wir gute Spiele gemacht. Ob nun gegen Dänemark oder Island. Auch die Europameisterschaft fand ich gar nicht so schlecht. Fast hätten wir das Halbfinale erreicht. Wir haben also gezeigt, was wir können.” 

Handball.de: Warum wird das oft nicht abgerufen? 
Lichtlein:
 “Wir machen zu leichte Fehler, die Abstimmung stimmt teilweise nicht. Ich bin selber ein wenig ratlos.” 

Handball.de: Gegen Montenegro gab es zur Halbzeit Pfiffe von den Zuschauern. Hat das die Mannschaft verunsichert? 
Lichtlein: “Verunsichert nicht unbedingt. Wir wussten selber, dass wir schlecht gespielt haben. Die Pfiffe waren teilweise verständlich. Andererseits sollten die Zuschauer lieber hinter uns stehen. Zugegeben: Unsere Leistung war wirklich schlecht. Dass wir auch in der zweiten Halbzeit nicht zu unserem Spiel fanden, war doppelt traurig. Eine schlechte Halbzeit kann passieren. Daraus muss man Lehren ziehen und in der zweiten Hälfte besser spielen. Leider war das nicht der Fall.” 

Handball.de: Bundestrainer Martin Heuberger hat nach dem Spiel Kritik an die Torhüter, also an Ihnen und Silvio Heinevetter, geäußert. Ein Zitat lautet "Ich glaube, wenn wir mit Montenegro nur die Torhüter gewechselt hätten, dann hätte es wahrscheinlich für uns gereicht". 
Lichtlein:
 “Wir wissen selber, dass wir wenig Bälle gehalten haben. Aber es gehören immer zwei dazu: Hilft die Abwehr uns nicht, können wir auch der Abwehr nicht helfen. Die Torhüter alleine an der Pranger zu stellen, finde ich nicht gerechtfertigt. Das Zusammenspiel zwischen Torhüter und Abwehr war einfach nicht gut. 

Handball.de: Torhüter Martin Ziemer wurde für das Spiel in Israel nachnominiert und Sie traten die Heimreise an. 
Lichtlein:
 “Eins möchte ich klarstellen: Martin Heuberger hat mich nicht rausgeschmissen. Anderthalb Wochen zuvor war bereits klar, dass Martin Ziemer eine Chance bekommen würde. Ich durfte mir aussuchen, bei welchem Spiel ich dabei sein möchte. Weil ich am 4. November Geburtstag hatte, als das Spiel in Israel stattfand, wollte ich lieber zuvor in Mannheim spielen. Das wurde in den Medien falsch rübergebracht. 

Handball.de: Trotzdem: Gehen Sie davon aus, bei der Weltmeisterschaft in Spanien dabei zu sein? 
Lichtlein:
 “Ich muss meine Leistung bringen. Dann liegt es am Bundestrainer, eine Entscheidung zu treffen.” 

Handball.de: Herr Lichtlein, wir danken für das Gespräch.

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